Australier
Die Mentalität des Homo Australiensis
Eine Quersumme aus der Mentalität der Bevölkerung eines ganzen Kontinents zu ziehen ist streng genommen ein unmögliches und letztendlich auch irrelevantes Unterfangen. Genauso wie du anders bist als alle anderen, deine eigenen Wünsche, Träume, Sorgen, Ideen und Geschmäcker hast, gilt selbiges natürlich auch für die Australierin und den Australier. Aber es gibt natürlich Eckpfeiler der Umgangsformen und Vorlieben, die sich durch die kulturellen und sozialen Gesellschaftsschichten eines jeden Landes ziehen und anhand derer man des Öfteren die Mentalität eines Landes bemisst.
In Australien legt man großen Wert auf Ehrlichkeit und Direktheit. Das äußert sich in Alltagssituationen genauso wie an der Uni. Wenn dem Australier etwas nicht gefällt, dann sagt er es gerade heraus. So wird der „Rosa Elefant“ vermieden und für Klarheit geherrscht, selbst wenn das für den Auswärtigen manchmal ein wenig barsch erscheint. Letztendlich ist es aber eine durchaus positive Sache.
Vernachlässigst du beispielsweise deine Pflichten beim gemeinsamen Wohnen, dann kommt es eher selten zum Tratsch hinterm Rücken oder Grüppchenbildung. Eher wird konkret thematisiert was nicht ganz rund läuft. So ist es schnell aus der Welt geschafft und man kann entspannt gemeinsam feiern gehen.
Diese Umgangsform stellst du auch an der Uni fest. Anstatt einer hochnäsigen, kryptischen oder abfälligen Bemerkung des Professors oder der Tutorin, spricht man eher gezielt das an, was du falsch gemacht hast. Lass dich darauf ein und fühl dich nicht gekränkt. Vor allem an der Uni ist dieser Wesenszug ein Teil dessen, was die gleichberechtigte und relaxte Atmosphäre im Umgang zwischen Dozenten und Studenten ermöglicht.
Das knüpft (beinahe) nahtlos an eine weiteres Merkmal der australischen Gesellschaft an: Gleichheit. Auch wenn das gespannte Verhältnis zwischen den einstigen Siedlern verschiedenster ethnischer Ursprünge, die heute wohl am ehesten als „Einwohner Australiens“ gelten, und den australischen Ureinwohnern ein immer noch heikles und teilweise unangenehmes Thema ist, kann man doch sagen, das Gleichheit eine wichtige Rolle im sozialen Gefüge Australiens ist. Das gilt vor allem für das Einkommen.
Eine freundschaftliche Beziehung wird in Australien nicht über den Inhalt des Geldbeutels oder die finanziellen Polster des Elternhauses bestimmt. Ein geselliges Miteinander ist eben wichtiger als die Zugehörigkeit einer elitären Liga. Das zieht sich durch Betriebe und Hochschulen gleichermaßen.
Man stellt sich und andere auch immer mit Vornamen vor, was schon von vornherein in jeder Situation eine mehr entspannte Atomsphäre schafft und durch das komplette Wegfallen der Höflichkeitsform muss man sich dementsprechend auch weniger Gedanken darüber machen, auf was für einem „Level der Vertrautheit“ man sich denn gerade bewegt.
Nächster Eckpfeiler ist ein Wesenszug, der von fast jedem, der schon einmal als Tourist, Student oder Arbeiter Down Under war, sofort und mit Begeisterung angenommen wird: die Gastfreundschaft. Alles in allem ist man hier einfach viel weniger reserviert und vorsichtig, wenn es um den Umgang mit Fremden geht, jedenfalls aus der Sicht eines Europäers. Bei einem oder mehreren Bieren lernt man sich eben besser kennen, als bei einem förmlichen Gespräch.
Wenn ich in Deutschland auf eine Party „mitgenommen“ werde, fühle ich mich meist ein wenig fehl am Platze. In Australien wird man dagegen sofort integriert. Neu = interessant. Vor allem wenn du als Reisender unterwegs bist, fällt dir auf, mit wie viel Selbstverständlichkeit Information, Essen, Trinken und ein Dach über dem Kopf angeboten wird. Ich habe hier zu Hause noch nie erlebt, dass mich auf der Straße jemand anspricht, weil ich ein wenig ratlos aussehe.
Was gibt es sonst noch über den Australier als Menschen zu sagen? Er lacht gerne, über sich selbst und auch über andere, darum nimm es nicht persönlich, wenn mal der Zeigerfinger unter die Nase gehalten wird: das meint der Aussie nicht böse. Die Hassliebe zwischen ihnen und den Engländern (oder auch liebevoll „Bloody Poms“ genannt) bedeutet für uns deutsche aber auch eher Pluspunkte. Sport ist, genau wie bei uns ein unglaublich beliebtes Gesprächsthema. Mit Fußball hat man in Australien aber (noch) nicht allzu viel am Hut. Da beeindruckst du mehr mit Fachwissen über Aussie Rules Football (AFL), Rugby oder Cricket.
Für dich als Neuankömmling solltest du folgende Ratschläge beherzigen: sei offen, sei abenteuerlustig, sag lieber ja als nein und trag deine Sonnenbrille lieber im Haar als im Shirtkragen. Hier unten wird man lieb zu dir sein. Ganz bestimmt!
Hendrik Busse

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