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Broome Sun Pictures

Sehenswürdigkeiten in Westaustralien - Sun Pictures in Broome

Wer einen Abstecher in den Norden Westaustraliens wagt, der sollte unbedingt in Broome haltmachen. Dort gibt es nämlich nicht nur phantastische Sandstrände und Dinosaurierfußstapfen zu begutachten, sondern, haltet euch fest, auch das älteste Freiluftkino der Welt!

Das Sun Pictures Building in Broome’s Chinatown wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Gebiet des Yamasaki-Clans erbaut. Ursprünglich diente die geräumige metallene Konstruktion als ein asiatisches Handelszentrum für importierte asiatische Güter, darunter Nahrung, Kleidung und Haushaltsgegenstände, für Broomes polyglotte Gemeinde.

Das Yamasakigebäude war der geräumigste Laden in der Carnarvon Street, der Hauptstraße im asiatischen Viertel, bekannt als Chinatown, in der es außer dem großen Laden noch zahlreiche weitere Geschäfte, Basare, Bordelle, Imbissbuden und Glücksspielhöllen gab. Die Yamasakis waren begeisterte Anhänger des Theaters. Daher kam es, dass sie einen Teil ihres Gebäudes zu einem japanischen Spielhaus umfunktionierten in dem traditionell japanisches Noh-Theater aufgeführt wurde.

Von dem japanischen Theater inspiriert, kaufte Perlenmeister Ted Hunter im Jahr 1913 das Gebäude von den Yamasakis und beauftragte den Architekten Claude Hawkes ein Lichtspielhaus mit 500 Plätzen zu bauen. Sun Pictures hatte am neunten Dezember 1916 seine offizielle Eröffnung. Der erste Spielfilm der im Haus gezeigt wurde war das englische Pferderenndrama „Kissing Cup“ mit der Komödie „Bachelor Brown“ als Vorfilm.


Somit begann für Broome die Ära des Stummfilms. Mit einer traditionellen mit Pferden operierenden Trammbahn, die zwischen Chinatown und der Hafenstadt hin und her fuhr kamen Menschen aus der gesamten näheren (und auch weiter entfernten) Umgebung um an diesem neuen spannenden Ereignis teilzuhaben. Die lokale Persönlichkeit „Fairy“ verzückte die Zuschauer mit ihrem romantischen und teilweise auch melodramatischen Klavierspiel, welches jeden der Filme begleitete. Die Favoriten aus ihrem Repertoire waren „A Life on the Ocean Wave“ und „If you were the only Girl in the World“.

1924 wechselte Sun Pictures den Besitzer. Neuer Eigentümer wurden die Gentlemen W.H. Milner Harry und Leonard R. Knight. Der Kinobetrieb wurde zu einem Familienbetrieb als die Frauen der beiden neuen Besitzer sich um das Management des Box Office und die Publicity kümmerten. Harry Milner rüstete den Projektor des Kinos 1933 auf Soundwiedergabe auf. Der erste Film, der nicht mehr von „Fairy“ musikalisch untermalt sondern mit integrierter Sprache und Musik gezeigt wurde, war „Monte Carlo“ mit den Hauptdarstellern Jeanette McDonald und Jack Buchanan. Das Zeitalter der „Talkies“ hatte nun auch für Sun Pictures und so auch für Broome begonnen.

1940 verstarb Harry Milner. Ohne seinen langjährigen Partner wollte Leonard Knight das Kino nicht weiter betreiben und setzte sich noch im selben Jahr zu Ruhe. Die Witwe Milner aber sah sich in der Pflicht das Vermächtnis ihres Mannes weiterzuführen und kümmerte sich in den folgenden zwei Jahren ganz alleine um Sun Pictures bevor sie im März 1942 zwangsevakuiert wurde; zwei Tage bevor eine Staffel japanische Zeros Broome bombardierten.

Die Projektorutensilien wurden während des Krieges stark beschädigt, aber später von Offizieren der australischen Armee repariert, die Sun Pictures daraufhin für wöchentliche Vorführungen benutzten. Dabei wurde ein sogenannter Carbonfaserkopf-Projektor eingesetzt auf welchem folgender amüsanter Schriftzug über den rudimentären Amaturen angebracht war:“One buzz increases volume, two buzzes, lower volume; three buzzes, check projector and shout for help!!” (Einmal klingeln für lauter, zweimal für leiser, dreimal klingeln: checkt den Projektor und ruft um Hilfe!!)

Der ehemalige Soldat J. O’Mara Ballajura erinnert sich an damals: „Während des zweiten Weltkriegs, nicht lange nachdem Broome bombardiert worden war, diente ich als Rekrut der Armee in dieser Gegend. Sie zeigten damals Filme in dem Freiluftkino. Anscheinend gab es nur einen einzigen Projektor und der arme Kerl der für das Wechseln der Rollen zuständig war, hatte des Öfteren arge Probleme damit. Manchmal dauerte es bis zu einer halben Stunde bis er die Rollen gewechselt hatte. Um die Zeit dazwischen zu überbrücken spielten sie über die Lautsprecher diese eine Platte. Sie hatten nämlich nur eine einzige und der Titel lautete „You look like a Monkey when you grow old“ (Wenn du alt bist siehst du aus wie ein Affe). Da sie nur diesen einen Song hatten spielten sie ihn immer und immer wieder, eine Dauerschleife bis der Film weiterging.

Sun Pictures ist wahrscheinlich das einzige Kino der Welt das regelmäßig durch Hochwasser überflutet wurde. An vielen Abenden waren die Damen und Herren im Publikum während der Vorstellung gezwungen die Füße anzuheben wenn die Flut heranrollte. Manche behaupten, dass man sogar Fische während des Films fangen konnte. Harte Beweise für diese Behauptung bleiben aber aus. Oft war die Carnarvon Street nach Ende der Vorstellung komplett überflutet. Dann mussten die Männer ihre Hose hochkrempeln und die Vertreter des schönen Geschlechtes aufs Trockene tragen. Erst 1974 als ein kleiner Damm über das Sumpfgebiet gebaut wurde, war dieser Spuk zu Ende.

Das Kino durchlebte eine Periode in der die Sitze nach ethnischer Herkunft getrennt verteilt wurden. Bequeme Korbsessel mit Kissen in der Mitte des Kinosaales waren dauerhaft für jene wohlhabenden Europäer reserviert, die für „am würdigsten“ erachtet wurden. Kinder saßen auf Liegestühlen oder Bankreihen vor ihren Eltern. Andere „Weiße“ saßen auf der linken Seite des Kinos. Liegestühle direkt hinter den Europäern waren für Japaner und Chinesen reserviert.

Handarbeiter aus Malaysia, Afrika, den Philippinen oder Aborigines, mussten durch einen speziellen separaten Eingang an der rechten Seite des Kinos kommen. Sie wurden genötigt auf der rechten Seite einer Barriere zu sitzen, auf gleicher Höhe aber mit genügend Abstand von den Weißen, oder aber auf Stadion-ähnlichen Sitzschalen am hinteren Ende des Kinosaales. Obwohl das Klientel an diese Art von Diskriminierung gewöhnt war, fühlten sich viele Zuschauer deswegen unbehaglich. Während der Anderson-Periode wurde ein Boykott gegen das Sun Pictures Kino von einigen Farbigen in Broome angezettelt; mit Erfolg. Die Behandlung der Zuschauer anderer ethnischer Herkunft verbesserte sich daraufhin, aber die getrennten Bereiche blieben weiterhin bestehen bis 1967 endlich ein Gesetz die Rassendiskriminierung endgültig verbot.
Sun Picture Gardens wurde 1949 von Mr. und Mrs. Walter James Anderson übernommen, die weiterhin regelmäßig Filme zeigten bis sie das Kino 1953 an den Perlenmeister Alf Morgan und seine Frau Ruby verkauften. Morgan hatte mit dem Entertainmentbusiness überhaupt nichts am Hut, begriff aber die soziale Bedeutung des Kinos für Broome und vermietete es deswegen and Jean und Peter Haynes unter, die sich als Manager und Instandhalter um das mittlerweile schon historische Gebäude fast dreißig Jahre lang kümmerten.

Wenn Wände sprechen könnten wäre Sun Pictures wohl eine historische Wissensquelle von beträchtlichem Wert über das Leben in Broome im Wechsel der Jahrzehnte. Abgeschnitten von der Außenwelt sah wohl kein anderes Haus in Broome so viele Kinder, Teenager und Erwachsene kommen und gehen, alle mit ihren eigenen Problemen, Wünschen und Hoffnungen und bald saßen in den Sitzen die nächste Generation, mit Eltern die ihre erste Verabredung möglicherweise genau hier hatten. Samstag wurde für Sun Picture Gardens der Kinderabend eingeführt. Ein Bus der schnell der Kindergartenexpress getauft wurde karrte dutzende junge Filmbegeisterte ins Kino und wieder nach Hause.

1982 wurde Lord Alistair McAlpine der neue Besitzer des Kinos. Ein stetiger Wechsel an Managern folgte, was die Zukunft des Kinos ein wenig düster erscheinen ließ, bis 1987 Marisa Ferraz und ihr damaliger Partner Tony Hutchison Sun Pictures übernahmen. Bis heute bleibt Ferraz in dieser Position. Als ihnen die historische Bedeutung für den Wachstum und das Erscheinungsbild der Stadt klar wurde, fanden sie schnell Lust und Begeisterung an der Aufgabe der Restauration und der Erhaltung des Gebäudes, sowie der Vermarktung, nicht nur als Kino sondern auch als Tourismus-Ikone.

1995 wurd das Gebäude im Staatsregister unter Denkmalschutz gestellt. Im Register wird vermerkt, dass das Sun Picture Gardens von kultureller und historischer Signifikanz ist weil es „ein seltenes Exemplar eines speziell angefertigten Freiluftkinos ist, welches immer noch kommerziell betrieben wird“, weil es „eine feste Größe und kulturelle Instanz für die Gemeinde Broome bedeutet, die zur Identität und dem Stadtbild beiträgt“, weil es „den ästhetischen Anblick des Stadtteils verbessert“ und weil es „in seiner Konstruktion und Bauweise perfekt an das tropische Klima angepasst ist.“

Ebenfalls erwähnenswert ist, das die einzigartige Location des Kinos direkt unter der Anflugbahn auf den Broome Airport liegt. Im Laufe der Jahre wurden viele Filme an strategischen Momenten für kurze Zeit unterbrochen um das donnernde Getöse der Turbinen und die Blinklichter der Maschine abzuwarten, welches oft mit Applaus der Zuschauer begrüßt wurde. Meine Freundin saß damals darin als während einer heißen Schlacht in Roland Emmerichs „Independence Day“ eine Boeing dicht über der Leinwand hinwegbrauste, was höchstwahrscheinlich der einzige Grund ist, warum sie den Streifen in guter Erinnerung hat.

Im Mai 1997 wurde Marisa Ferraz alleinige Besitzerin des historischen Gebäudes und das Geschäft brummte. Ihr Ehemann Ross de Wit stieß im Januar 2000 zum Geschäft dazu und wieder einmal wurde aus Sun Pictures ein Familienbetrieb. Bis heute Kümmern sich Marisa & Ross um die Restauration des Kinos. 1999 wurden mit Hilfe der Gemeinde für Denkmäler in Westaustralien gründliche Restaurationen am Foyer unternommen. Der Boden im Saal wurde fast vollständig ersetzt und später wurden auch entscheidende Reparaturen am Dach vorgenommen.
2002 wurde Sun Pictures dann in eine größere Kinokette integriert, was den finanziellen Aspekt der Instandhaltung entscheidend erleichterte. Im gleichen Jahr wird Sun Cinemas, ein herkömmlich kommerzielles Kino, nur wenige hundert Meter weiter eröffnet.

Ich empfehle aber, wenn man schon mal dort oben ist, sich einen Film im einzig wahren Sun Pictures Freiluftkino anzugucken. Denn herkömmliche Kinos gibt’s doch genug.

Hendrik Busse